1.1. Rezeption in der fremdsprachlichen Kommunikation

Im Punkt 1 „Fremdsprachliche Rezeption und ihre Arten“ haben wir erörtert, dass ohne Rezeption keine Kommunikation existieren kann. An dieser Stelle versuchen wir zu beweisen, dass die beiden Begriffe eng miteinander verbunden sind.

Um zur Rezeption übergehen zu können, müssen wir uns zuerst die Kommunikation als eine zwischenmenschliche Tätigkeit darstellen, weil sie hier einen gewissen Oberbegriff bildet. Eine der umfassendsten und genausten Kommunikationstheorien hat Paul Watzlawick (1967:53 ff.) geschaffen, im Rahmen der er auch fünf Axiome aufgelistet hat, die wir als Regeln betrachten können, wenn es um die Analyse der zwischenmenschlichen Beziehungen gehen soll. Wenn die Kommunikationspartner diese Regeln einhalten und sie immer im Hinterkopf haben, kann bereits von einer funktionierenden Kommunikation die Rede sein. Wenn aber die Kommunikation ohne Rücksichtnahme auf diese Regeln abläuft, kann es zu vielen Störungen kommen und die kommunikative Absicht wird nicht erreicht. Jetzt listen wir die Grundregeln, also Watzlawicks pragmatische Axiome, auf und erörtern sie, um einen entsprechenden Überblick zu bekommen:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren[1].

„Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.”[2]

Aus diesem Zitat geht hervor, dass es unmöglich ist, nicht zu kommunizieren, weil wir die Botschaften nicht nur mit Hilfe von Sprache oder Schrift senden. Das tun wir auch mit Hilfe unserer Gestik und Mimik. Unsere „Körpersprache“ lässt sich nicht so leicht steuern, sie läuft eher unbewusst ab. Nur wenn wir lernen, sie zu lenken, wird sie bewusst, aber nie ausgeschaltet, deshalb können wir nicht nicht kommunizieren. Auch unsere Körperhaltung und die nonverbalen Mitteilungen sagen unseren Gesprächspartnern, dass wir z. B. keinen Kontakt möchten oder umgekehrt, dass wir ihn gern aufnehmen.

  1. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei Letzterer den Ersteren bestimmt[3].

Jede zwischenmenschliche Kommunikation enthält nicht nur eine reine Sachinformation (Inhalt), sondern sie birgt in sich noch eine Information darüber, wie die Botschaft verstanden werden soll und wie der Sender zu dem Empfänger steht (Beziehung). Es gibt kaum Nachrichten, die nur auf der Sachebene verstanden werden können, weil bei der Kommunikation viele andere Faktoren mitspielen. Gefühle und Einstellungen dem Gesprächspartner gegenüber sind hier sehr wichtig, denn sie zeigen den richtigen Weg für das Verstehen der Mitteilung. Wenn wir diesen Aspekt der Kommunikation betrachten wollen, dürfen wir nicht vergessen, dass die Nachrichten nur dann gelungen gesendet werden können, wenn volle Übereinstimmung zwischen dem Inhalts- und Beziehungsaspekt herrscht.

  1. Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktionen der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt[4].

Um dieses Axiom besser verstehen zu können, erläutern wir zuerst den Begriff „Interpunktion“. Mit Interpunktion im kommunikativen Sinne haben wir zu tun, wenn wir im ständigen Informationenaustausch gewisse Startpunkte zu setzen versuchen. Sie sind Ursache des Handelns unserer Gesprächspartner, sie haben eine Wirkung, sind der Anfang einer Handlung. Dieser Anfang wird nur subjektiv gesetzt, weil es meistens unmöglich ist, festzustellen, wer z. B. einen Streit angefangen hat. Graphisch wäre das als ein Kreis oder als eine endlose Folge darstellbar, wo es keinen Anfang und kein Ende gibt. Anhand des Beispiels eines Ehepaars solle nun diese Endlosigkeit veranschaulicht werden:

interpunktionen

Abb. 1: Interpunktionen der Kommunikationsabläufe

Aus der Graphik[5] geht hervor, dass wir außerstande sind, mit Hilfe der beliebig ausgewählten Interpunktionen (1, 2, 3, 4 etc.) den Anfangspunkt zu setzen. Wir sind uns dessen nicht bewusst, ob sich der Ehemann zurückzieht, weil die Frau nörgelt oder ob das umgekehrt ist – die Frau nörgelt, weil der Mann sich zurückzieht. In dieser Situation haben wir mit dem sog. Teufelskreis zu tun. Weder der Mann noch die Frau ist imstande zu sagen, wo all diese Störungen ihren Anfang haben. Die Frau glaubt, dass das Zurückziehen des Mannes die Ursache ihres Handelns ist, und der Mann ist der Auffassung, dass er sich zurückzieht, weil seine Frau ständig nörgelt.

  1. Menschliche Kommunikation kann in digitaler oder analoger Weise erfolgen[6].

Digitale Kommunikation ist ein reiner Informationsaustausch und ist dann gegeben, wenn wir beispielsweise einer Sache oder einem Gegenstand einen Namen geben. Der Inhalt wird dann genau bezeichnet und es entsteht ein gewisser Zusammenhang zwischen diesem Objekt und dessen Namen. Mit der analogen Kommunikation dagegen haben wir zu tun, wenn z. B. eine Zeichnung einem Objekt ähnlich ist, wenn sich dazwischen eine Analogie bildet. Diese Form der Kommunikation ist mehrdeutig, deshalb muss der Empfänger die Bedeutung der auf diese Art und Weise vermittelten Botschaft entziffern. Wir können auch sagen, dass digitale Kommunikation durch das Gesagte ausgedrückt wird und dass die nonverbalen Äußerungen die analoge Kommunikation bilden.

  1. Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder auf Unterschiedlichkeit beruht[7].

Die Kommunikationspartner einer symmetrischen Beziehung streben nach Gleichheit und Beseitigung aller Unterschiede. Die in diesem Axiom genannten Kommunikationsabläufe sind gleichwertig, was bedeutet, dass sowohl der Sender als auch der Empfänger etwas zu sagen hat. Beides muss auch berücksichtigt werden. Diese Situation wird auch „spiegelbildliches Verhalten“ genannt. Wenn wir die komplementären Kommunikationsabläufe beleuchten wollen, muss betont werden, dass sich die Kommunikationspartner ergänzen. Es taucht eine superior-inferior Beziehung auf, mit der wir zu tun haben, wenn wir beispielsweise die Mutter-Kind-Beziehung betrachten. Der  komplementären Kommunikation begegnen wir auch im  schulischen Alltag, wenn wir uns z. B. die Beziehung zwischen Lehrer und Schülern durch den Kopf gehen lassen. Die Kommunikationspartner ergänzen sich in dieser Beziehung, der Eine redet mehr und der Andere muss dabei (aktiv) zuhören.

In diesem Teil der Arbeit haben wir uns mit einer sehr wichtigen Erscheinung der zwischenmenschlichen Kommunikation beschäftigt, und zwar mit den Axiomen des bekannten Kommunikationswissenschaftlers Paul Watzlawick. Das Einhalten dieser Regeln verspricht eine gelungene Kommunikation, die so ablaufen soll, wie es sich Produzent und Rezipient zum Ziel gesetzt haben. Wenn aber diese Grundregeln nicht beachtet werden, ist die Kommunikation gestört und es ist unmöglich, eine gelungene kommunikative Beziehung aufzubauen.

[1] Watzlawick, P. (1967): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Huber, Bern, S. 53.

[2] http://www.uni-bielefeld.de/paedagogik/Seminare/moeller02/06watzlawick1/  (Abgerufen: 22.12.2007).

[3] Ebd. S. 56.

[4] Watzlawick, P. (1967): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien Huber, Bern, S. 61.

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Interpunktion.png (Abgerufen: 22.12.2007).

[6] Watzlawick, P. (1967): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien Huber, Bern, S. 68.

[7] Ebd. S. 70.

:: Inhaltsverzeichnis – spis treści ::

Print Friendly
0.00 avg. rating (0% score) - 0 votes

Zostaw komentarz

Twój adres email nie zostanie opublikowany. Pola, których wypełnienie jest wymagane, są oznaczone symbolem *

CommentLuv badge